30. November - Fast ein Drittel der Moldawier im erwerbsfähigen Alter haben sich in den EU-Raum abgesetzt. Ein Bericht aus dem ärmsten europäischen Land, das dieses Wochenende ein neues Parlament gewählt hat. Die Ernennung des Staatspräsidenten ist erneut an der Drei-Fünftel-Mehrheit gescheitert.
Carole Vann / InfoSud - Kokett dekorierte Häuser, Blumengärten, von Pferden gezogene Heuwagen, wogende Felder. Doch hinter der idyllischen Fassade verbirgt sich eine tragische Realität. Die putzige, liebevoll geschmückten Häuschen sind oft unbewohnt, ohne Heizung, Wasser- und Abwasseranschluss. Viele Felder wurden aufgegeben, die Strassen sind mit Schlaglöchern übersät. Die Republik Moldawien, ein kleiner Staat zwischen Rumänien und der Ukraine, war während der Sowjetzeit eine Kornkammer. Heute figuriert die Republik als ärmstes europäisches Land auf Rang 117 von 182 Nationen und Entwicklungsländern, nach Vietnam und vor Äquatorialguinea. Das Bruttoinlandprodukt BIP pro Kopf entspricht demjenigen des Sudans.
Moldawien mit 3,6 Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen leidet unter der endemischen Arbeitslosigkeit. Zwischen 600'000 und einer Million Moldawier und Moldawierinnen haben nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ihre Heimat verlassen. Das entspricht einem Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung, die sich der Flut der teils illegal Arbeitenden in Italien, Portugal, Spanien, Frankreich, Griechenland und Russland als Saisonniers anschliesst.
Enorme Jugendarbeitslosigkeit
"Es ist eine verlorene Generation", meint Elena Lacubenco, Direktorin des Zentrums für Kinder Amic im Norden des Landes. Dasselbe sagt Florea Grigore, Direktorin einer Berufsschule in Leova im Süden. In Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) versuchen die beiden Zentren Jugendendlichen eine materielle und psychologische Unterstützung zu geben. "Als wir unsere Programme 2008 in der Republik Moldawien starteten, wollten wir uns auf die Gesundheitspflege von Müttern und Kindern konzentrieren. Aber bald merkten wir, dass die krassesten Mängel anderswo liegen", sagt Lina Berger, Regionalleiterin des SRK. "Also haben wir unsere Projekte auf die Folgen dieses Massenexodus fokussiert."
Neben der Betreuung von alten Menschen und der Hilfe für Kinder engagiert sich das SRK bei der Förderung von Genossenschafts-Projekten für Frauen, um Alternativen zur Auswanderung zu bieten. Eine Herausforderung, wenn man weiss, dass ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt. Die allgegenwärtige Korruption im Land erleichtert diese Unterfangen nicht.
"Die Armut zeigt hier nicht das gleiche Gesicht wie in der Dritten Welt", sagte Lina Berger, welche die öffentlichen und privaten Armutskonzepte kritisiert. "Das Geld der Auswanderer fliesst in den Bau von neuen Häusern und wird in Konsumgüter investiert, aber die Infrastruktur wird vernachlässigt."
Gerade genug für das tägliche Überleben
Zwar wurde das Land neu verteilt, aber da die Bauern zu arm sind, um Geräte zu kaufen, reicht der Ertrag nur für das Allernötigste, gerade genug für das tägliche Überleben. Der abrupte Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft zeitigt in den Dörfern verheerende Auswirkungen. Wo die Zentralregierung einst öffentliche Dienstleistungen sicherstellte – Gas, Strom, Bäder, Wäschereien, Werkzeuge und Landwirtschaftsmaschinen – stürzte die Privatisierung die Menschen in materielle und geistige Armut.
In vielen Gemeinden führt das SRK Lokale, in welchen Kurse für Gesundheitsprävention, gegen häusliche Gewalt und gegen Tabak- und Alkoholmissbrauch durchgeführt werden. Sie sind auch zum Treffpunkt für die Dorfbevölkerung geworden. Das SRK trägt damit zum seelischen Gleichgewicht vieler traumatisierten Menschen bei.
Europa im Kopf, Moskau im Herzen
Die Parlamentswahlen am Wochenende sollten klare Verhältnisse bringen und den den politischen Stillstand beenden, da es im Parlament seit April 2009 keine ausreichende Mehrheit für die Wahl eines Präsidenten gibt. Nach Agenturberichten vom Dienstag wurde die für die Ernennung des Präsidenten notwendige Drei-Fünftel-Mehrheit auch im dritten Wahlgang verfehlt. Keine der politischen Formationen hat die angestrebte Mehrheit von 61 der 101 Parlamentssitze erreicht. Die Kommunisten (PCRM) erhielten dem Wahlbüro zufolge 39,29 Prozent der Stimmen und 42 der 101 Parlamentssitze. Eine wichtige Rolle spielten die Auslandsmoldawier, deren Stimmen vier Parlamentssitze ausmachen und die traditionell überwiegend die pro-westlichen Parteien wählen.
Bisher regierte eine Vier-Parteien-Koalition, die das Land näher an die Europäischen Union führen will. Die oppositionellen Kommunisten gelten als pro-russisch, haben aber in den Beziehungen zu Moskau fast ebenso viele Probleme wie die aktuelle Regierung.
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