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Die frankophone Sicht der Welt

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Sandra CoulibalyÜber die Frankophonie gibt es viele Vorurteile. Für Sandra Coulibaly, stellvertretende Repräsentantin der Internationalen Organisation der Frankophonie (IOF) bei der UNO in Genf, bietet sie einen Raum für den Austausch unterschiedlicher intellektueller Wege.

Das Interview führte Sandra Titi-Fontaine/InfoSud

InfoSud: Was repräsentiert die Frankophonie heute?

Sandra Coulibaly: Es ist eine Sicht der Welt, das Teilen unterschiedlicher intellektueller Wege durch eine gemeinsame Sprache. Die IOF umfasst 70 Staaten rund um die Welt und ebenso viele Bedürfnisse an Energie, Geld und Überzeugungen. Sie ist Zeichen eines wirklichen Zugangs zum Andern, sie reflektiert keine bipolare Beziehung sondern einen Raum von Gemeinschaften.

InfoSud: Die Frankophonie wird oft in Verbindung gebracht mit Frankreichs Aussenpolitik. Wie sehen Sie das?


Sandra Coulibaly: Wir werden oft assoziiert mit einem eher fantasierten als realen Dreieck zwischen der französischen Sprache, Frankreich und Afrika, manchmal werden wir mit einem bewaffneten Arm der „Françafrique“ – der engen Beziehung zwischen Afrika und der früheren Kolonialmacht Frankreich – verwechselt. Wir entwickeln aber unsere eigene Aussenpolitik und vor allem kulturelle Kooperation. Wie setzen uns etwa für die Verbreitung französischsprachiger Autoren ein.
Afrika ist Teil der Welt und entgeht keineswegs der Globalisierung. Dessen sind sich die afrikanischen Autoren sehr bewusst. Die Frankophonie ist Teil ihrer Kultur, sie schreiben ohne Komplexe auf Französisch. Leopold Sedar Senghor, Dichter und früherer Präsident Senegals hat dies beim Erlangen der Unabhängigkeit zahlreicher afrikanischer Länder hervorgehoben: “Wie jedes menschliche Abenteuer hat die Kolonialisierung Schmutz und Gold mit sich gebracht. Warum sollte man nur den Dreck und nicht die Goldklumpen berücksichtigen?“

InfoSud: Viele afrikanische Autoren sind aber gegenüber der Frankophonie sehr kritisch.

Sandra Coulibaly: Jede realistische Bilanz nährt sich von gegensätzlichen Ideen. Wir wollen die Frankophonie nicht in ein institutionelles Ghetto schliessen, wo die IOF taub wäre gegenüber den Debatten über verschiedene Vorstellungen. Zwischen Afro-Pessimismus und Afro-Optimismus ist der diesjährige „Salon africain du livre“ eine differenzierte Bilanz von 50 Jahren Unabhängigkeit, während die IOF ihren 40. Geburtstag feiert. Indem diese Veranstaltung nach dem Verlauf eines halben Jahrhunderts des Kontinents fragt, ermöglicht sie es, die unvergänglichen Verbindungen zu stärken, die Afrika mit dem Rest der Welt vereinigen. Und sie ermöglicht es zu realisieren, wie viele Generationen von Autoren durch ihr Werk von der Vitalität des Kontinents berichten, dessen Flexibilität eine unerschöpfliche Kreativität bietet.

InfoSud: Wird der Büchersalon dazu beitragen, die Wahrnehmung der Frankophonie zu modernisieren?


Sandra Coulibaly: Man muss die Fragen rund um die Frankophonie hinter sich lassen, um eine neue Sichtweise zu beginnen. Die Afrikaner sehen Frankreich oft grösser als es ist. Die Frankophonie, das ist auch die Schweiz, Belgien oder Kanada. Heute gibt es nicht nur eine Zusammenarbeit zwischen dem Norden und Süden, sondern immer mehr auch zwischen den südlichen Ländern. War nicht Brasilien der erste „Retter“ Haitis nach dem Erdbeben? Die Schriftsteller helfen, die Welt aufgrund neuer Gleichgewichte neu zu denken.

InfoSud: Aber welche tatsächlich Macht über die IOF auf ihre Mitgliedstaaten aus? Es scheint, dass es keine rechtsverbindliche Massnahme gibt.

Sandra Coulibaly: Sie irren sich. Die Erklärung von Bamako über die Menschenrechte und die Demokratie, welche die IOF-Mitglieder im Jahr 2000 verabschiedeten, sieht eine Suspendierung oder den Ausschluss eines Mitglieds vor, wenn es mit dem Rechtsstaat bricht. Zurzeit sind Madagaskar und Guinea von der Organisation suspendiert, ebenso wie Togo früher.

InfoSud: Lässt die Frankophonie heute noch träumen?


Sandra Coulibaly: Ich denke, heute sind es Konsum-Vorbilder, die zum Träumen veranlassen, nicht kulturelle Leitbilder.

 

 
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