17. Februar 2010 - Die Aussöhnung von Landwirtschaft und Natur ist nach Ansicht von Achim Steiner, Exekutivsekretär des UN-Umweltprogramms (UNEP), die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts. So müsse der schwierige Balanceakt vollzogen werden, die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung zu sichern, ohne die Artenvielfalt zu opfern.
Julio Godoy/IPS - Die Landwirtschaft berge ein großes Potential, sagte Steiner unlängst in Berlin zum Auftakt des Internationalen Jahres der Artenvielfalt 2010. Schließlich seien Landwirte ja auch Ressourcenmanager. Sie müssten künftig für Bemühungen belohnt werden, Nahrungsmittelproduktion und Artenschutz zu harmonisieren.
"Wir setzen immer noch zu viel Chemie in der Landwirtschaft ein. Dies führt dazu, dass wir viele natürliche nützliche Organismen zerstören und Wasserquellen vergiften", erläuterte der UNEP-Chef. Es ginge aber auch anders. So könnte die 20 Zentimeter dicke Ackerkrume so bearbeitet werden, "dass sie das produziert, was wir brauchen".
Nach UN-Schätzungen sterben jedes Jahr 150 Tier- und Pflanzenarten infolge menschlicher Aktivitäten einschließlich der Landwirtschaft. Über die Möglichkeiten, diesen Trend aufzuhalten, wenn nicht gar umzukehren, sprach Steiner mit IPS.
IPS: Welche Rolle spielt die Landwirtschaft bei der Zerstörung bzw. dem Schutz der biologischen Vielfalt der Erde?
Achim Steiner: Eine wichtige und in vielen Bereichen entscheidende Rolle. Die Landwirtschaft stellt eine Gefahr für die Artenvielfalt dar, weil wir ihr mit wachsender Bevölkerung und Wirtschaft immer mehr Raum überlassen. Damit jedoch grenzen wir den Lebensraum sowohl für große Tiere als auch für Pflanzen zu Lasten die Artenvielfalt ein.
Aber die Landwirtschaft birgt auch ein enormes Potential, denn letztlich sind Landwirte ja auch Ressourcenmanager, sie handhaben Ökosysteme. Und darin sehe ich die große Chance der Zukunft: Dass wir das Modell der Landwirtschaft des 20. Jahrhunderts, die Maximierung der Produktion, nicht mehr als Primat nehmen, sondern die Landwirte dafür entlohnen, dass sie die Ökosysteme erhalten und dabei auch die von uns benötigten Nahrungsmittel und andere Güter produzieren.
IPS: Können Sie die von der Landwirtschaft ausgehende Gefahr für die Biodiversität präzisieren?
Steiner: Wir müssen die Art und Weise hinterfragen, wie wir mit den Böden umgehen. Das ist ein Problem, das die ganze Welt betrifft. Wir als Weltumweltprogramm beschäftigen uns mit dem weltweiten Verlust der Produktivität von Agrarflächen. Vielen ist nicht klar, dass uns der Verlust der besonderen Eigenschaften von Böden infolge von Wüstenbildung und 'schlechter' Landwirtschaft jährlich 100 Milliarden US-Dollar kostet.
Wir setzen immer noch zu viel Chemie in der Landwirtschaft ein. Dies führt dazu, dass viele nützliche Organismen zerstört und Wasserquellen vergiftet werden. Dabei könnten wir Bodenproduktivität und Wasserqualität gewährleisten, wenn wir anders verfahren würden, um die 20 Zentimeter dicke Ackerkrume so zu bearbeiten, dass sie das produziert, was wir brauchen.
IPS: Jetzt beziehen Sie sich auf die ökologische Landwirtschaft…
Steiner: Der ökologische Landbau ist ein Beispiel dafür, wie man mit der Natur arbeitet. Man versucht über den Weg der Wissenschaft und des nachhaltigen Ressourcenmanagements die Produktivität der Böden zu nutzen, ohne sie zu zerstören.
Aber ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, dass sich die Herausforderung in der Dichotomie der traditionellen und der ökologischen Landwirtschaft erschöpft. Beide Bereiche können voneinander lernen. Ich sehe beide Modelle als Kontinuum. Es geht darum, die Lebensmittelsicherheit für eine wachsende Weltbevölkerung zu garantieren und gleichzeitig Boden und Natur zu schützen.
IPS: Aber die Auswirkungen der Landwirtschaft auf die Umwelt sind vielfältig. So werden durch die Tierhaltung Unmengen an Treibhausgasen verursacht, die zur Erdeerwärmung beitragen...
Steiner: Die Landwirtschaft generiert zwischen 15 bis 18 Prozent der weltweiten Treibhausgase. Die Bauern verwenden Dieseltraktoren, auch der Transport der Ernten und die Produktion von Düngemitteln, Pestiziden, Herbiziden generieren Klimagase. Die Tierhaltung trägt mit Methan und andere Treibhausgasen ebenfalls zum Klimawandel bei.
Wir müssen für alle Wirtschaftsbereiche eine CO2-Bilanz ziehen. Dann stellt sich die Frage nach Anreizen und alternativen Besteuerungssystemen, um Veränderungen in den Produktionsverfahren herbeiführen und die CO2-Bilanz zu verbessern. In der Landwirtschaft beobachten wir die verschiedenen Landnutzungsformen. Wenn uns konkrete Zahlen vorliegen, können wir den Bauern Anreize für die Umstellung auf Verfahren bieten, die weniger CO2 produzieren oder es gar binden.
IPS: Wird die Notwendigkeit, Flora und Fauna zu schützen, die Bauern von der Notwendigkeit überzeugen, auf neue Verfahrensweisen umzustellen?
Steiner: Die Begriffe Artenvielfalt und Ökosysteme mag manchen Menschen abstrakt erscheinen. Dabei ist ihre Bedeutung für Wirtschaft und das Leben von Milliarden Menschen alles andere als abstrakt. Nehmen wir die Korallenriffe. Die besonderen Leistungen dieser Ökosysteme für die vielen Lebewesen, die von ihnen abhängen, werden weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene angemessen gewürdigt. Ihr Nutzen wird häufig übersehen oder unterschätzt.
Wie aus dem jüngsten Bericht der Initiative 'Die Ökonomie der Ökosysteme und Biodiversität' (TEEB) hervorgeht, liegt der finanzielle Nutzen der Korallenriffe für den Küsten- und Katastrophenschutz pro Hektar bei jährlich bis zu 189.000 Dollar. In diesem Betrag bleiben die Einnahmen der Fischerei- und Tourismusindustrie unberücksichtigt, die mit etwa einer Million Dollar pro Hektar und Jahr zu Buche schlagen dürften.
IPS: Dennoch steht bereits fest, dass wir das Ziel, bis Ende des Jahres das Artensterben aufzuhalten, nicht erreichen werden.
Steiner: Das ist der Grund, warum ich an die Staats- und Regierungschefs in aller Welt appelliere, dem Schutz der Artenvielfalt höchste Priorität einzuräumen. Die Lage ist ernst und verlangt von der internationalen Gemeinschaft, nicht nur das Artensterben zu drosseln, sondern die biologische Infrastruktur, die im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts zerstört wurde, zu erneuern.
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