14. Mai - Einen Monat lang werben die Organisationen des Dachverbands Swiss Fairtrade mit Frühstück, Facebook und Rikschas für den fairen Handel. Dies ist nötig: Auch wenn in der Schweiz weltweit am meisten für fair gehandelte Produkte ausgeben wird, bleibt der Betrag mit 40 Franken pro Person und Jahr immer noch sehr klein.
Sarah Forrer/InfoSüd - Rote Rosen und gelbe Bananen zieren die farbige Rikscha. Weisse Ballone sind auf der Seite befestigt. Ein junger, sportlich aussehender Mann tritt langsam in die Pedale. Dahinter laufen drei in Jeans und weissen T-Shirts. Autofahrer schauen aus dem Fenster, einige winken. Ziel: Der Limmatplatz in Zürich, genauer der Migros Hauptsitz. Dort angekommen übergibt die Gruppe Angestellten vom Orangen Riesen grosse Papiersäcke. Darin liegen Rosen, Honig, Tee, Joghurts und Kaffee.
Mit dieser Aktion wollen Fair Trade-Organisationen den Kauf von fair gehandelten Produkten in der Schweiz deutlich steigern. Unter dem Motto „Fairtrade Breakfast“ sind drei Rikschas noch bis Ende Mai in der Schweiz unterwegs und beliefern Partner wie die Migros als Dank mit Frühstücksutensilien. Das fahrende Velo wird auch als Fingerzeig zu Firmen geschickt, die mehr auf die nachhaltige Entwicklung achten könnten.
Auf der Internetplattform Facebook können Fans darüber abstimmen, wen die Rikscha zusätzlich zur geplanten Tour noch besuchen soll. Bis anhin hat dies nicht richtig geklappt. Die Anzahl Fans auf Facebook erhöhe sich zwar ständig. Die aktive Beteiligung sei aber gering, sagt eine Mitarbeiterin von Max Havelaar.
„Fairtrade Breakfast“ findet nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Frankreich, Spanien und Grossbritannien ab – es sei die weltweit grösste Aktion für den fairen Handel, heisst es bei Max Havelaar. Hierzulande hat sich die Label-Organisation ein grosses Ziel gesetzt: Sie wollen über 50'000 Teilnehmer für die Aktion gewinnen. Die Hälfte der Zeit ist durch. Der Stand: 23'310 Anhänger.
Weltmeister – aber nicht weltmeisterlich
Am Limmatplatz bleiben nur vereinzelt Leute stehen. Ein kleines Kind sieht von seinem Kinderwagen aus die weissen Ballone und zeigt mit seinen kleinen Fäustchen bestimmt darauf. Ein Polizist zückt seinen Ausweis und macht den Rikschafahrer darauf aufmerksam, dass es sich hier um eine verbotene Standaktion handelt. Als er sieht, dass Migros-Angestellte mit von der Partie sind, zieht er ab. Im Glauben es gebe etwas gratis, stehen zwei, drei Junge um die Rikscha herum. Viele schauen interessiert, halten aber nicht an.
Ähnlich verläuft es mit dem fairen Handel: Alle finden ihn gut, wenige kaufen wirklich bewusst ein. Zwar konnte Max Havelaar im vergangenen Jahr zweistellig zulegen. Und die Schweizer geben mit 40 Franken pro Person und Jahr weltweit am meisten für Fairtrade-Produkte aus.
Der Gesamtumsatz liegt aber mit 326 Millionen Franken ungefähr auf Augenhöhe mit beispielsweise einem Klein- und Mittleren Unternehmen (KMU) wie dem Schweizer Bonbonhersteller Ricola. Im Vergleich: Nestlé allein erwirtschaftet pro Jahr mit 107,6 Milliarden Franken das 300fache. Dies soll sich ändern. Im Hinblick auf den 14. Mai, dem internationalen Fairtrade-Tag hat nun der Verband Swiss Fair Trade eine Werbekampagne lanciert. Sie will die Ausgaben pro Kopf von 40 auf 100 Franken steigern.
Grosse mit ins Boot
Damit dies überhaupt möglich ist, muss der faire Handel raus aus der Nische. Seit längerem geht Max Havelaar deswegen Partnerschaften mit Grossen in der Branche ein. So bietet die Grossbank UBS in ihrer Kantine diverse Faire Produkte, der deutsche Discounter Aldi hat Kaffee, Kakao und Honig im Sortiment.
Max Havelaar hat sich diese Partnerschaften nicht einfach gemacht. „Wir überlegen lange, wer als Partner in Frage kommt. Erst nach vielen Gesprächen wird eine Zusammenarbeit besiegelt“, sagt Mediensprecherin Vesna Stimac. Damit will die Organisation eines verhindern: „Wir wollen nicht als Feigenblatt der Grosskonzerne wahrgenommen werden.“ Bis anhin gab es keine negativen Rückmeldungen der Kunden.
Ausbau der Märkte zentra
„Schliesslich geht es darum, dem Süden zu helfen. Da sind alle gefragt“, ist auch Hans-Peter Egler, Fairtrade-Experte beim Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) überzeugt. Für ihn ist deshalb klar: „Die grossen Konzerne müssen mit ins Boot!“ Für weiteres Wachstum ist für ihn der Ausbau der Märkte zentral. Bisher verkauften vor allem Detailhändler Produkte wie Rosen, Kaffee und Bananen. Doch neue Märkte tun sich auf. So werden seit einigen Monaten faire Reisen angeboten. „Da ist noch ein interessantes Potenzial vorhanden“, ist Egler überzeugt.
Für Andrea Hüsser, Konsumexpertin von der Organisation Erklärung von Bern (EvB) sind noch weitere Akteure gefragt. „Der faire Handel bietet den Konsumenten eine konkrete Handlungsoption, um beim Einkaufen Verantwortung zu übernehmen“, sagt sie. „Will der faire Handel aber aus der Nische raus, braucht es politische Förderungsmassnahmen“, ist Hüsser überzeugt.
Ein älterer Mann beugt sich interessiert über die Rikscha – einen Flyer will er indes nicht. Er wundere sich nur, ob es noch erlaubt sei, mit diesen Velos zu fahren, fragt er. Niemand weiss eine Antwort. Der junge Radler schwingt sich auf sein Gefährt. Die nächste Frühstücksübergabe findet in Zürich-Altstetten statt – als Dank an Partner IBM.
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