25. Januar - Proteste gegen den Anstieg von Lebensmittelpreisen in mehreren Ländern machen auf das Hungerproblem weltweit aufmerksam. Fachleute führen weder die drohende noch die Ernährungskrise von 2008 auf einen Mangel an Nahrungsmitteln zurück. Vielmehr als schlechte Ernten seien es Spekulationen und „Landraub“, welche die Preise in die Höhe trieben.
Viera Malach und Thalif Deen/ InfoSüd/IPS - "Man kann wohl kaum das Wort 'Mangel' in den Mund nehmen, wenn man bedenkt, dass ein Drittel des Getreides an Tiere verfüttert und ein wachsender Teil zu Autotreibstoffen verwendet wird", konstatiert Frederic Mousseau, Autor mehrerer Studien am „Oakland Institute“ in San Francisco. Den Fachleuten zufolge ist weder die derzeit drohende noch die Ernährungskrise von 2008 auf einen Mangel an Nahrungsmitteln zurückzuführen.
Dass die Weltmarktpreise für Reis, Weizen, Zucker, Gerste und Fleisch zusehends steigen und sich den Rekordwerten vom Sommer 2008 nähern, als die explodierende Preise in etwa 30 Ländern zu Hungerunruhen führten, hat die UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO bereits im letzten Herbst alarmiert.
Marktsignale
Der Anstieg der Nahrungsmittelpreise 2010 erfolgte gleich nach den Ernteausfällen in Russland und Osteuropa, die unter anderen eine Folge der Sommerbrände waren. Die Exportverbote verstärkten den Einfluss der Spekulation. "Jeder neue Klimaschock in einem weiteren Nahrungsmittelexportland wie derzeit Australien oder der Anstieg der Ölpreise wird die Nahrungsmittelpreise nach oben treiben und die Ernährungslage der Armen noch schlimmer machen als 2008", erklärt Frederic Mousseau.
Der Experte sieht andere Faktoren als Ernteausfälle für den Preisanstieg verantwortlich: „So sorgt eine schlechte Ernte in einem Teil der Welt für Druck auf dem Weltmarkt, der daraufhin Signale an Spekulanten aussendet, Getreide in grossem Stil aufzukaufen. Dies wiederum verursacht die Preiserhöhungen.“
Agtortreibstoffe
Zudem zeigt sich laut Mousseau heute wie 2008, dass das Agrotreibstoffgeschäft rentabler werde und somit künftig noch mehr Nahrungsmittelpflanzen für die Herstellung von Ethanol- und Biodiesel verwendet werden.
In den USA zum Beispiel geht 30 Prozent der Maisernte in der Ethanolherstellung auf. Die Maispreise sind um mehr als 50 Prozent und die Sojapreise um 34 Prozent gestiegen. Cargill, der weltgrösste Agrarkonzern, konnte seine Gewinne zuletzt verdreifachen. In den Monaten September bis November 2010 generierte der Marktführer 1,49 Milliarden US-Dollar.
Landkäufe
Landwirtschaftlich genutzte Flächen sind rentabel, nicht nur für grosse Agrarkonzerne, sondern auch für private und staatliche Anleger. „Agrarland ist das neue Gold der Investoren", sagt Lester Brown, Gründer des renommierten „Earth Policy Institute“ in Washington. So wie die Märkte strukturiert seien, zögen sie die Anleger magisch an. Die Geschäfte seien kaum zu kontrollieren.
Gerade in Zeiten unsicherer Finanzmärkte setzten viele Investoren auf Agrarland. Beobachtern zufolge breitet sich der „Landraub“ aus, viele Hunderttausend Hektaren Land in Afrika und in Südostasien haben Investoren aus Saudi-Arabien, China oder Südkorea aufgekauft oder gepachtet.
Die Geschäfte schüren den Kampf um Land und Wasser. Die kleinen Bauern, die rund 70 Prozent der weltweit knapp einer Milliarde Hungernden ausmachen, müssen statt eigener Nahrungsmittel für den Export anpflanzen oder weichen.
Regulierung
Internationale Hilfs- und Entwicklungsorganisationen fordern, dass bei den EU-Finanzmarktreformen und im G20-Prozess Regeln gegen exzessive Spekulation mit Nahrungsmitteln formuliert werden. "Gelockerte Finanzmarktregeln in den USA haben die Spekulation mit Getreide angeheizt und die Preisexplosion bei Nahrungsmitteln gefördert", erklärt Oxfam-Agrarexpertin Marita Wiggerthale.
Die von Banken aufgelegten Indexfonds im Agrarbereich entwickelten sich zur attraktiven Anlage, insbesondere für Pensionsfonds, Versicherungen und Staatsfonds. "Wer auf Indexfonds setzt, will von steigenden Agrar- bzw. Getreidepreisen profitieren." Auch Hedgefonds mischten kräftig mit. Als Marktkenner setzten sie je nach Trend auf steigende oder fallende Preise, um kurzfristige Profite zu erzielen.
"Wenn Spekulanten auf steigende Preise wetten, setzen sie Menschenleben aufs Spiel“, prangert Wiggerthale an. Die Preisentwicklung bei Weizen und Mais lasse sich nicht mit den fundamentalen Marktdaten – Angebot, Nachfrage, Lagerbestände – erklären.
Reaktionen
Deutschlands Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner kündigte an der Internationalen Grünen Woche in Berlin an, sie wolle die Spekulation mit Grundnahrungsmitteln eindämmen. NGO zufolge bieten die anstehenden EU-Finanzmarktreformen Gelegenheit dazu.
Zudem will Frankreich während seiner G20-Präsidentschaft die Rohstoffmärkte an die Kandare nehmen. Wenn die Schwankungen an den Rohstoffmärkten nicht gezügelt würden, drohten Unruhen, betonte Sarkozy. Frankreich wolle sich auch für eine Bankenabgabe stark machen.
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