April 2008 - Als Co-Präsident leitet der Schweizer Forscher und Welternährungspreisträger Hans Rudolf Herren die Arbeiten des überstaatlichen Agrarforschungsprojekts IAASTD. Bei einem Zwischenhalt in der Schweiz nimmt Herren zum weltweit lancierten Bericht Stellung wie auch zur Kritik von Konzernen wie Syngenta. "Biotechnologie ist nur ein kleiner Teil der Lösung", betont Herren.
Viera Malach/InfoSüd - „Die gute Nachricht ist: Die Schlusserklärung anerkennt, dass im Gunde sehr viel Wissen da ist, um die Probleme Hunger und Armut nachhaltig zu lösen“, resümiert Hans Herren. Der Bericht des Weltlandwirtschaftrats IAASTD gilt als Pendant zum Bericht des Weltklimarats IPCC, haben doch über 400 Experten daran gearbeitet – und eine Fülle von Ansätzen zur Welternährungssicherung vorgelegt. „Wir haben den grösstmöglichen Konsens gefunden“, freut sich Herren. Der Schlussbericht im südafrikanischen Johannesburg sei schneller als erwartet von 60 Ländern, darunter der Schweiz, verabschiedet worden.
Auf Kosten von Mensch und Umwelt
Die schlechte Nachricht: „Derzeit geht die landwirtschaftliche Produktion auf Kosten von Mensch und Umwelt und führt zu vielen ökologischen und sozialen Problemen.“ Dazu gehören Bodenerosion, Landverlust, Wassermangel und zunehmende Verarmung vor allem im Süden. Dass der Bericht in eine Zeit fällt, in der die Nahrungsmittelpreise explodierten und in Entwicklungsländern für Unruhen sorgen, gibt laut Herren der Publikation zusätzlich Brisanz.
„Eine rasche Produktionssteigerung ist keine Lösung. Höhere Produktivität verbraucht viel mehr Energie und Geld. Wir haben weltweit kein Produktivitätsproblem, vielmehr ein Verteilungsproblem“, sagt der international mehrfach ausgezeichnete Agronom. Zwei Drittel der Menschheit vor allem in Entwicklungsländern könnten nicht im industriellen Stil Landwirtschaft betreiben. Auch Biotechnologie bringe keine Ertragssteigerungen, zudem sei das nur einmal einsetzbare Saatgut für Arme viel zu teuer.
Anbaumethoden verbessern
Dennoch schliesst Herren die Gentechnik und andere moderne Formen der Biotechnologie nicht kategorisch aus. „Sie ist aber in Zukunft nur ein kleiner Teil der Lösung.“ Landwirtschaft sei komplex, sie beinhalte ökologische und gesellschaftliche Aspekte, Handel und Märkte, Gesundheit, traditionelles und lokales Wissen. „Die Agrochemie will bessere Samen. Doch wenn wir die Böden und die Anbaumethoden nicht verbessern, dann nützen die besten Samen nichts.“
Herren wünscht sich angesichts der Klimaveränderung eine nachhaltige und vernetzte Forschung zugunsten neuer Sorten, die lokal angepasst sind, eine gute Ausbildung der Bauern und viel mehr Informationsaustausch dank neuen ICT-Technologien.
Das besondere am Bericht ist, dass er eine weltweite Erhebung zur Nachhaltigkeit der Landwirtschaft umfasst. Forschende und Fachleute aus dem Agrobusiness und der Lebensmittelindustrie waren ebenso beteiligt, wie Vertreter bäuerlichen Erfahrungswissens, Konsumenten- und Nichtregierungsorganisationen, Regierungen und UNO. Das 2005 gestartete Projekt, von der Welternährungsorganisation FAO und der Weltbank angestossen, gilt als eines der interdisziplinärsten überhaupt. „Ein Querschnitt der Gesellschaft war beiteilgt“, betont Herren.
Rückzug der Syngenta
Abgesprungen sind dem Projekt jedoch die Agrokonzerne Syngenta, Monsanto und BASF wie auch ihr Dachverband „Crop Life International. Auf Frage nach dem Grund teilt Syngenta in einem englischen Communiqué mit, sie habe sich zurückgezogen, „als zunehmend deutlich wurde, dass der Bericht keine realistische Sicht hat für die künftigen Anforderungen an die Landwirtschaft und den Bedarf nach neuen und bestehenden Technologien.“ Ohne Anerkennung der Vorteile der Innovation und der Pflanzenwissenschaft für die Landwirtschaft und Entwicklung werde der IAASTD-Schlussbericht die Gelegenheit verpassen, diejenigen anzusprechen, die für ländliche Entwicklung wichtig seien.
Diese Einschätzung treffe nicht zu, kontert Herren, nahezu alle Anspruchsgruppen seien beteiligt gewesen. “Wir wollten Menschen verschiedenster Ansichten zusammen bringen. Es ist die Agroindustrie, die ihre Chance verpasst und nicht bis zum Schluss mitgemacht hat. Ihre Vertreter sind zu spät an Sitzungen gekommen und zu früh weg. Sie haben ihre Kapitel nicht abgeliefert trotz Verlängerungsfrist“, bemängelt Herren.
Hans Rudolf Herren, der zusammen mit der kenianischen Wissenschafterin Judi Wakhungu das IAASTD präsidiert, hofft nun auf die Politik. „Wie fordern eine multifunktionale Landwirtschaft, welche die Leistung der Bauern an Ökosystemen anerkennt und kompensiert. Wie und wo genau, muss die Politik sagen.“
Umfassende Vision
Die Vision des IAASTD-Berichts sei umfassend, betonte Achicm Steiner, Direktor des UNO-Umweltprogramms in Johannesburg. Neben der Produktion werde der Bericht sozialen und ökologischen Dimensionen der Landwirtschaft gerecht. Geschäfts- und Sekretariatsleiter des ISAASTD ist der Brite Robert Watson. Als ehemaliger IPCC-Leiter stand er unter Beschuss der US-Ölindustie, auf deren Druck hin sein IPCC-Vertrag nicht verlängert wurde, denn Watson schrieb den Klimawandel menschlicher Aktivität zu. Jetzt steht die umfassende Sicht der Landwirtschaft im Brennpunkt.
Herren und Biovision
Der 60-jährige Hans Rudolf Herren ist Agronom und ein weltweit führender Wissenschafter in der biologischen Schädlingsbekämpfung. Dafür (mit Schlupfwespe gegen Maniok-Parasit) erhielt er 1995 den Welternährungspreis wie auch weitere internationale Auszeichnungen. Während 27 Jahren lebte und forschte der gebürtige Berner in Afrika, so in Nairobi, wo er über zehn Jahre Insektenforschungsinstitut ICIPE leitete. Seit 2005 leitet Herren das Millenniums-Institut in Washington DC.
In der Schweiz gründete Herren 1998 die Stiftung Biovision. Diese setzt sich für die Entwicklung, Verbreitung und Anwendung ökologischer Methoden ein, die zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen in Afrika führen und die Umwelt schonen.
| < Zurück |
|---|





