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In Kuba lernen Wissenschaftler von Bauern

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17. Juli - Der kubanische Agronom Humberto Rios ist daran, die Landwirtschaft seines Landes zu revolutionieren. Er setzt auf Nachhaltigkeit und Artenvielfalt. In Bern erläuterte der Träger des Goldman-Umweltschutz-Preises 2010, was sein Programm so erfolgreich macht.


Florian Blumer / Viera Malach, InfoSüd - Rund 50´000 Bauern und Bäuerinnen beteiligen sich heute in allen Regionen Kubas an einem von Humberto Rios gestarteten Programm. „Das bedeutet, dass bei uns fast jeder zehnte Bauer auf Saatgut-Vielfalt setzt und sein Land nachhaltig bewirtschaftet“, berichtet Rios zu Gast in Bern. Als Beispiel gibt er die Kassava-Pflanze (auch Maniok oder Yuca genannt), von der heute rund 50 verschiedene Sorten angebaut werden, während es beim Programmstart vor knapp zehn Jahren nur zwei bis drei waren. Die Vielfalt hat die Ernteerträge der Wurzelknolle deutlich erhöht.

Überwältigender Erfolg

Auch bei Reis, Bohnen und anderem Gemüse konnten dank Rios Methode die Ernten in wenigen Jahren um das zwei- bis dreifache gesteigert werden. Der überwältigende Erfolg brachte dem kubanischen Agronomen dieses Jahr den Goldman-Umwelt-Preis ein, eine der weltweit bedeutendsten Auszeichnungen auf diesem Gebiet.

Rios Erfolg freut auch Peter Sulzer, Stabsleiter regionale Zusammenarbeit bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Seit 2003 unterstützt diese Rios "Programm für Innovationen in der lokalen Landwirtschaft" (PIAL)  mit dem Ziel, die Nahrungsmittelversorgung zu verbessern und Kleinbauern zu unterstützen. Die ländliche Entwicklung zu fördern, sei eine zentrale Strategie der DEZA, erklärt Sulzer an einem Treffen mit Rios in Bern.

Von unten nach oben

Sein Projekt erfolgreich gemacht habe „die Umkehr der Abläufe zwischen Wissenschaftlern und Bauern“, fügt Rios an. Als Doktorand in Agronomie sollte er Anfang der 90-er Jahre den Bauern seine wissenschaftlichen Erkenntnisse vermitteln, die Bauern hatten diese dann umzusetzen. Rios stellte jedoch bald fest, dass dies nicht funktionierte, denn die Bauern sagten ihm, dass sie dazu weder Traktoren noch genügend Wasser hätten.

Der junge Wissenschaftler wagte damals einen radikalen Schritt: Er ermunterte die Bauern, selbst mit verschiedenen Samensorten zu experimentieren und ihm dann ihre Erkenntnisse mitzuteilen. „Meine eigene Mutter dachte, ich sei verrückt geworden, dass ich als Wissenschaftler mit Bauern zusammenarbeite“, sagt Rios. „Bereits nach zwei Jahren war jedoch allen Beteiligten klar, dass vor allem wir Forscher von den Bauern lernen können und nicht umgekehrt.“

Bauern als Forscher

Bis 1991 hatte Kuba unter Fidel Castro auf Monokulturen mit hohem Einsatz von chemischen Düngemitteln und Pestiziden gesetzt, unterstützt von der damaligen Sowjetunion. Nach der Wende im damaligen Ostblock waren dringend neue Rezepte für die kubanische Landwirtschaft gefragt. Rios Umkehr der Abläufe, bei denen Bauern als Forscher arbeiten, eröffneten neue Perspektiven. „Die Bauern waren richtig glücklich, dass sie zu Forschern wurden und somit in der Hierarchie aufsteigen konnten“, erinnert sich Rios. „Alle sind stolz, ihr Wissen den anderen Bauern zu präsentieren.“

Heute arbeiten Landwirte zusammen mit Forschenden, Ingenieuren, Politikern und Vertretern internationaler Organisationen in regionalen „Wissens-Hubs“, wie sie Rios nennt. An so genannten Saatgut-Messen treffen sich die Bauern einer Region mehrmals pro Jahr und tauschen Erfahrungen und Saatgut aus. Das Wissen verbreite sich, ohne dass dieser Prozess von einer zentralen Instanz gelenkt werden müsse.

Keine politische Frage

Dass dieser partizipative Ansatz ausgerechnet im autoritär und zentralistisch regierten Kuba so gut funktioniert, ist für Rios kein Widerspruch. Die Regierung sei sehr an Programmen interessiert, welche die Versorgungs-Unabhängigkeit des Landes fördern. Ausserdem habe sie vor zehn Jahren, als er erste Versuche machte, gar keine Wahl gehabt: Die Wirtschaft und Landwirtschaft lagen am Boden und jede Idee war willkommen, die eine Besserung versprach.

„Es war eine Sache des Ausprobierens, und was funktioniert, das funktioniert einfach. Das ist keine politische Frage“, betont Rios. Noch besser als auf Kuba funktioniere sein Konzept im mexikanischen Chiapas. Dort könnten die Wissenschaftler und Bauern beim Mainanbau auf die Erfahrung der Ureinwohner aus 7000 Jahren bauen, während Mais auf Kuba erst seit etwa 100 Jahren angepflanzt wird.

Bei allem Erfolg wünscht sich Rios, sich bald aus seinem Projekt zurückzuziehen. Er möchte „das Baby loslassen“, wie er es formuliert. Die DEZA ihrerseits setzt darauf, dass sich Rios’ Form der nachhaltigen Landwirtschaft auf Kuba etabliert und ihre Unterstützung mittelfristig nicht mehr nötig sein wird.

Rios möchte künftig mehr Zeit für seine zweite grosse Leidenschaft, das Schreiben und Singen von Liedern im traditionellen kubanischen Stil. Seinem Engagement als Agronom bleibt er allerdings auch dabei treu: Am liebsten besingt er die nachhaltige Landwirtschaft.

 

 
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