22. Dezember 2009 - Im Länderdreieck Argentinien, Brasilien und Paraguay leben etwa 100.000 Guaraní-Indianer. Wissenschaftler haben nun mit Unterstützung des Weltkinderhilfswerks UNICEF eine Landkarte der seit Jahrhunderten von den Ureinwohnern bewohnten Gebiete erstellt. Dabei wird deutlich, wie sehr das Lebensumfeld der Guaraní durch die fortschreitende Umweltzerstörung bedroht ist.
Natalia Ruiz Díaz / IPS - Die Guaraní wüssten genau, wo die Grenzen ihres Landes lägen, sagte der nationale Koordinator des Projekts 'Mapa Guaraní Retã' in Paraguay, Bartomeu Meliá. Sie hätten aber nicht die nötigen technischen Mittel, um selbst eine Karte zu entwerfen. Obwohl die Indigenen weit über das Gebiet verteilt lebten, könne man von einem gemeinsamen Guaraní-Territorium sprechen.
In der auch von der spanischen Entwicklungsbehörde unterstützten Studie, die im Dezember in der paraguayischen Hauptstadt Asunción vorgestellt wurde, sind rund 500 Ureinwohnerdörfer und –gemeinden in den Grenzgebieten der drei Staaten erfasst. Die meisten Siedlungen liegen im Süden Brasiliens, im Osten Paraguays und der nordostargentinischen Provinz Misiones. Ausserdem sind die Guaraní in Südamerika in Gebieten an der Atlantikküste, in der argentinischen Chaco-Trockensavanne und im Osten Boliviens anzutreffen.
Vom Amazonas-Gebiet gen Süden gezogen
In dem auf der Landkarte erfassten Territorium leben vier Guaraní-Völker: die Mbya, die Pãi Tavyterã (in Brasilien auch als Kaiowá bekannt), die Avá Guaraní und die Aché, die sich früher Guayakí nannten. Ursprünglich siedelten die Indianer im Amazonasgebiet und wanderten nach und nach gen Süden weiter. Im 16. Jahrhundert liessen sich die meisten Guaraní im riesigen Gebiet des La-Plata-Beckens nieder, das sich von den Quellen der Flüsse Paraná und Uruguay bis zur Mündung des Rio de la Plata erstreckt.
Schätzungen von Behörden und Nichtregierungsorganisationen zufolge leben in Brasilien derzeit 45.787 Angehörige der Guaraní, in Paraguay 42.870 und in Argentinien rund 6.000. Der paraguayische Staatschef Fernando Lugo sprach bei der Vorstellung der Studie von "lebendigen Völkern mit unterschiedlichen Kulturen". Dabei bedauerte er, dass die einst nicht klar abgegrenzten Territorien nicht mehr ihren legitimen Besitzern gehörten.
Die Untersuchungen der Wissenschaftler haben ergeben, dass die Guaraní-Bevölkerung sehr jung ist. Fast die Hälfte der Indigenen ist jünger als 14 Jahre. Statistisch gesehen bringt jede Frau durchschnittlich fünf bis sechs Kinder zur Welt. Allerdings ist die Kindersterblichkeit hoch. Schätzungen gehen von 80 Todesfällen pro 1.000 Geburten aus.
Wie Meliá erklärte, unterscheiden sich die einzelnen Guaraní-Völker vor allem durch ihre Sprachen und religiösen Riten. Benachbarte Gemeinden pflegten aber einen regen Austausch, sagte der katholische Priester, der 1954 aus Spanien nach Paraguay ausgewandert war.
Die Experten weisen in der Studie ausserdem darauf hin, dass die Ureinwohner in enger Beziehung zur Natur leben. Dieses natürliche Erbe droht aber immer weiter zu schwinden. Wo sich früher dichter Wald befand, steht heute manchmal kein einziger Baum mehr. Das Abholzen der Wälder sei ein massiver Eingriff in die Ureinwohnergebiete, kritisierte Hipólito Acevei, Präsident der Koordinationsgruppe zur Selbstbestimmung indigener Völker.
Indianer durch Grossgrundbesitzer verdrängt
Weite Teile des Guaraní-Territoriums seien bereits zerstört, heisst es in dem Bericht. Eine besondere Gefahr stellten der Soja- und Zuckerrohranbau sowie die Aufforstung mit ortsuntypischen Arten wie Eukalyptusbäume und Pinien in der Provinz Misiones dar. Ausserdem seien die Ureinwohner durch grosse Latifundien in der Region immer weiter von ihrem Land verdrängt worden, sagte Lugo, der die Gesellschaft dazu aufrief, die Rechte der Indianer zu respektieren.
Grosse Wasserkraftwerke wie die von Brasilien und Paraguay betriebene Anlage Itaipú und das argentinisch-paraguayische Gemeinschaftsprojekt Yacyreta haben den Lebensraum der Guaraní ebenfalls stark eingeschränkt. Auf der Karte wird ersichtlich, dass mehrere ehemalige Wohngebiete der Indianer inzwischen von Stauseen überflutet sind.
Um das Territorium der Guaraní nachhaltig zu schützen, bezogen die Wissenschaftler die Indigenen in ihre Arbeit ein. Die Ureinwohner halfen den Forscher beispielsweise, bestimmte Völker zu finden. "Das war eine wichtige Aufgabe für uns", betonte Acevei. Die Landkarte soll nun über ein Netzwerk von NGOs in allen drei Ländern verbreitet werden, um mehr Aufmerksamkeit für die Situation der Guaraní zu wecken.
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