InfoSüd - die Presseagentur mit Weltsicht

  • Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size
Start Alle ausgewählte Beiträge Armut Entwicklungshilfe Die reiche Schweiz und die Null-Komma-Etwas Hilfe

Die reiche Schweiz und die Null-Komma-Etwas Hilfe

E-Mail Drucken PDF

30. März - Die Schweiz engagiert sich seit 50 Jahren gegen Armut und Hunger in der Welt. Der Nutzen der Entwicklungshilfe wird von Rechtsbürgerlichen und besonders von der „Weltwoche“ in Frage gestellt. Ihr stellvertretender Chefredaktor Philipp Gut und Peter Niggli, Geschäftsleiter Alliance Sud, stellten sich einem Streitgespräch.


Christof Berger/InfoSüd - Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) wird nicht müde, sich der Debatte zu stellen: Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "50 Jahre DEZA - mehr als Hilfe" lieferten sich Weltwoche-Redaktor Gut, Niggli als Vertreter der Hilfswerke sowie Anton Stadler, Leiter der DEZA-Sektion Analyse und Politik einen Schlagabtausch zu Kosten und Nutzen der Entwicklungshilfe.

Es gebe kein anderes Land ausser der Schweiz, in dem eine derart kontroverse Ja-Nein-Diskussion geführt werde werde, konstatierte Stadler, langjähriger Mitarbeiter in internationalen Organisationen. Eine solche Diskussion war allerdings bei der Gegenüberstellung der Podiumsteilnehmer vorprogrammiert.

Sich auf das Gemeinsame zu konzentrieren

Die Schweiz solle weniger oder möglichst gar kein Geld für Entwicklungshilfe zur Verfügung haben, sagte Gut. Afrika habe sich trotz oder gerade wegen der Entwicklungszusammenarbeit nicht entwickelt. Immer sei es die freie Marktwirtschaft gewesen, welche die armen Länder weitergebracht habe. Niggli konterte, gerade die erfolgreichen Entwicklungsländer wie China, Indien oder Südkorea hätten nicht auf den Freihandel gesetzt. Staaten in Lateinamerika und Afrika hingegen, die den neoliberalen Rezepten der Weltbank gefolgt seien, hätten einen Abwärtstrend hinter sich.

In den Anfängen der Entwicklungshilfe habe man den Afrikanern zeigen wollen, „wie man es richtig mache“, blickte Stadler selbstkritisch zurück. In den 70er-Jahren sei dann alles „ethnologisiert“ worden, damit sei man wohl zu weit gegangen. Ein Gesundheitssystem zum Beispiel müsse nicht neu erfunden werden. Heute gelte es, sich auf das Gemeinsame zu konzentrieren: Die Schweiz sei keine Insel und als wirtschaftlich erfolgreiches Land mit zahlreichen Entwicklungsländern verflochten, was uns bei der Lösung globaler Probleme mitverantwortlich mache.

Hilfe wegen laufenden Kameras?

Weltwoche-Redaktor Gut befand, die DEZA helfe dort, wo alle Geber vor Ort seien, weil sie im medialen Rampenlicht stehen wolle. Nach dem Tsunami in Thailand habe sie auch Leuten geholfen, die es gar nicht nötig gehabt hätten. Viele hätten ihre Häuser selbst beschädigt, um an Hilfsgelder zu kommen. Auch in Sri Lanka sei die Nothilfe ineffizient gewesen.

Dies bestritt Stadler vehement. Er räumte jedoch ein, dass bei Nothilfe-Operationen fünf bis zehn Prozent der Gelder verloren gingen, weil man schnell handeln müsse und auf Einheimische angewiesen sei. Die Opfer von Katastrophen seien zudem nicht per se moralisch gute Menschen, sondern hätten Hunger und würden zuweilen stehlen.

Stadler und Niggli wiesen darauf hin, dass Nothilfe bzw. humanitäre Hilfe nur rund zehn Prozent des gesamten Entwicklungshilfebudgets ausmache. Weltwoche-Redaktor Gut sah zwischen Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit keinen Unterschied. Die Debatte drohe vom Hundertsten ins Tausendste abzurutschen, mahnte Gesprächsmoderatorin Karin Frey.

Ein guter Grund für die Hilfe sei, „dass die Leute nicht hierher kommen“, meinte eine Stimme aus dem Publikum. Das Hauptmotiv der Entwicklungszusammenarbeit sei nicht Eigennutz, betonte Stadler. Vielmehr wolle die DEZA langfristig zu einer stabileren Welt beitragen und richte sich deshalb auf die ärmsten Länder aus. Laut Niggli hat die DEZA einen Spielraum dafür, was wo am Besten nützt. Sein Jubiläumswunsch an die DEZA lautete, sie solle ihre relativ unabhängige und ungebundene Hilfe bewahren.

Für Bankenrettungen und Konjunkturankurbelungen sind Niggli zufolge seit 2008 rund 20'600'000 Milliarden Dollar ausgegeben worden - ein Bruchteil der Entwicklungshilfe, die in den 50 Jahren von 1960 bis 2008 zusammen 2900 Milliarden Dollar betragen hatte.

 

 
Presseagentur InfoSüd
Monbijoustrasse 31
Postfach 6861
3001 Bern
Tel 031 398 40 50
Fax 031 398 40 53
redaktion@infosued.ch

Themenangebote

Zu diesen aktuellen Themen können Sie vollständige Beiträge beziehen:

SCHWEIZ Sie kommen, kochen für uns und kehren heim
Das Leben als Provisorium: Den Alltag von vorläufig Aufgenommenen in der Schweiz zeigen Porträts des Berner Fotografen Peter Eichenberger. Er hat die Flüchtlinge zwei Monate lang bei ihrer Arbeit im Restaurant La Cultina begleitet. Dieses verbindet Gastronomie mit Integration und bietet Kurse für Küche und Service an. Die Hemmschwelle für eine Anstellung bleibt hoch. (ca. 3800 Zeichen)

NAHOST Junge Palästinenser auf den Spuren afrikanischer Sklaven
Die unabhängige Organisation „Bidna Capoeira“ bietet palästinensischen Kindern und Jugendlichen im Westjordanland und in Ost-Jerusalem Unterricht an, unterstützt vom Flüchtlingshilfswerk UNRWA. Die afro-brasilianische Mischung aus Tanz, Musik und Kampfkunst will den Jugendlichen Selbstvertrauen vermitteln, damit sie ihre schwierigen Lebensbedingungen meistern. (ca. 3600 Z.)

SÜDSUDAN Kindersoldaten sollen ins zivile Leben zurückkehren
Die südsudanesische Armee, auch bekannt als SPLA, hat eine neue Agenda zur Demobilisierung der auf 2000 geschätzten Kindersoldaten erarbeitet und unterschrieben. Auch wenn die Demobilisierung aller Kindersoldaten nach zwei Jahren abgeschlossen sein soll, wird deren soziale Integration weit mehr Zeit und grosse Anstrengen in Anspruch nehmen. (ca. 3800 Z.)

BURMA Regierung verteilt Flugblätter gegen Zwangsarbeit
Im Zuge von Reformen hat die quasi zivile Regierung von Burma die Verteilung von Flugblättern in den verschiedenen Ureinwohnersprachen gestattet. Auf Betreiben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sollen Tausende Angehörige ethnischer Minderheiten dadurch erfahren, wie sie sich vor Zwangsarbeit schützen können. (ca. 4000 Z.)